Hotline Vereinigung Ruhpoldinger Bürger: +49 172 890 4871

VRB - Nachg'fragt

Neue Gasleitung nach Ruhpolding

VRb Nachg'fragt

Angesichts der neuen Gasleitung nach Ruhpolding hat sich die VRB den zugetragenen Fragen der Bevölkerung gestellt und den fachkundigen Experten Oliver Huber eingeladen, um tiefer in diese Thematik einzusteigen.

Oliver Huber arbeitet als Geschäftsführer bei der theneo GmbH & Co. KG., ist Dipl. Wirtschafts. Ing. (FH), hat 30 Jahre Berufserfahrung in Kalkulation Tiefbau, Logistik, Unternehmensführung, Energieoptimierung. Energieberater (TÜV) für Wohngebäude, Nichtwohngebäude und EUREM Energiemanager (IHK).

VRB: Nach Ruhpolding wird eine Gasleitung verlegt. Einige Bürger aber misstrauen den fossilen Energieträgern. Was gibt es generell zu Erdgas zu sagen?

O.H.: Erdgas ist unter den fossilen Energieträgern mit Abstand der sauberste. Sowohl der Ausstoß an Schadstoffen, als auch von CO2 und Feinstaub ist bei Erdgas unter den fossilen Energieträgern am geringsten. Darüber hinaus wird Erdgas bei der Speicherung von Erneuerbaren Energieträgern (EE), z. B.  Solar-und Windstrom, eine zentrale Rolle spielen. Mit erneuerbarem Strom kann CO2-neutral Wasserstoff und auch Methan (Biomethan) hergestellt werden. Das ist von enormer Bedeutung für die Speicherung von EE-Strom, und die Verteilung dieses als „power to gas oder „power to liquid“  umgewandelten EE-Stroms erfolgt im Erdgasnetz und über die vorhandenen Erdgasspeicher. Generell ist festzuhalten, dass nur ein ausgewogener Mix an ökologisch vertretbaren Energieträgern und Energieerzeugungsanlagen in Zukunft eine gesicherte Energieversorgung und eine weitere Umstellung auf rein erneuerbare Energien ermöglichen wird.

VRB: Wäre eine Energieversorgung ausschließlich mittels Hackschnitzel in Ruhpolding auch möglich gewesen? Holz-Rohstoffe müssten ja genügend vorhanden sein?

O.H.: Ja, aber nicht auf dem derzeit vorhandenen Fernwärme-Preisniveau.

VRB: Was sind ansonsten die Vorteile von Gas gegenüber Hackschnitzeln?

O.H.: Gegenüber der Wärmeversorgung mit Hackschnitzeln bietet die Nutzung von Erdgas auch die Möglichkeit, technisch solide erprobt mittels BHKWs dezentral Strom zu erzeugen. Dieser muss dann nicht mehr mit Leitungsverlusten verteilt werden, sondern kann direkt vor Ort verbraucht werden. Daneben muss bei einer reinen Wärmeerzeugung z.B. aus Hackschnitzeln weiterhin Strom aus dem öffentlichen Stromnetz bezogen werden. Dieser Netzbezug hat einen CO2-Faktor von aktuell 0,537 g/kWh. Die Stromerzeugung aus Hackschnitzeln ist zwar technisch möglich, aber die dazu erforderlichen Anlagen (z.B. ORC-Turbinen) sind technisch aufwändig und erst ab größeren Leistungsklassen sinnvoll zu betreiben. Ein von theneo, im Rahmen der Durchführung eines Energieaudits betreutes, kommunales Versorgungsunternehmen verfügt z.B. über eine solche ORC-Anlage mit knapp unter 1.000 kW el. Leistung und zusätzlich über 4 BHKW-Blöcke mit zusammen 930 kW el. Leistung. Während die vorhandene alte BHKW-Anlage mit ca. 32 % el- Wirkungsgrad arbeitet, hat die ORC-Anlage einen el-Wirkungsgrad von ca. 13%. Stromerzeugung mittels Holz als Energieträger ist auch durch Holzvergasung und anschließender Verstromung in einem BHKW möglich. Während allerdings moderne Erdgas-BHKWs einen Gesamtwirkungsgrad (thermisch und elektrisch) von > 90% aufweisen, kommen Holzvergasungsanlagen auf knapp 80% Gesamtwirkungsgrad. Der wesentlich höhere technische Betriebsaufwand der Holzvergasungsanlage ist hierbei noch nicht bewertet.

VRB: Sowohl das Heizwerk, als auch der Rohstoff Holz sollen ja weiterhin wichtige Bausteine bei der Energiewende in Ruhpolding bleiben. Wie kann ein guter/gesunder Energiemix in Verbindung mit dem Heizwerk aussehen? Auch Ruhpoldinger Firmen bieten schon dezentrale Lösungen mit Hackschnitzel an?? 

O.H.: Aktuell leistet das Heizwerk max. ca. 3,9 MW thermisch (Hackschnitzel + Öl-Spitzenlastkessel) und ist mit den vorhandenen Wärmeabnehmern im Fernwärme-Leitungsnetz weitgehend ausgelastet. Wenn man z.B. die gemeindlichen Liegenschaften (Vita-Alpina, Eishalle, Turnhalle, Schule) mittels eines Gas-BHKW mit Wärme und Strom versorgen würde, könnte das Heizwerk Kapazitäten frei bekommen und dann können auch weitere Fernwärmekunden angeschlossen werden. Das wäre insbesondere im Ortskern wünschenswert und auch sinnvoll, da hier die Trasse liegt und nur wenige Abnehmer angeschlossen sind. Dieser Ortsbereich sollte unbedingt auch als „Fernwärme-Vorrang-Bereich“ gelten und nach Möglichkeit nicht mit Gas konkurrieren müssen. Ich halte einen Zubau an Neu-Anschließern von ca. 1 – 1,5 MW für möglich. Dies ist aber planerisch auf Basis der vorhandenen Leitungsdimensionen zu prüfen und ggf. zu korrigieren. Erhöht werden könnte dieser Wert noch, wenn z.B. an einem weiteren Einspeisepunkt (Krankenhaus) durch ein weiteres Heizwerk beispielsweise am Westernberg – z.B. auch durch Ruhpoldinger Firmen - eingespeist werden könnte. Mit einer solchen Lösung kämen sowohl Erdgas, wie auch Holz aus lokalen Beständen zur Energieerzeugung zum Einsatz und Ruhpolding hätte für weitere ca. 2 Jahrzehnte eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Wärmeversorgung inkl. einer Eigenstromerzeugung für die kommunalen Hauptenergie-Abnehmer (Vita-Alpina, Eishalle, Freibad und Schule mit Turnhalle). Ein weiterer Effekt besteht darin, dass der zur Absicherung des Heizwerks nötige Öl-Spitzenlastkessel ebenfalls durch einen neuen und sauberen Erdgaskessel ersetzt werden kann. Darüber hinaus können in Außenbereichen von Ruhpolding mit Hochwasser-Gefahr auch alte Ölheizungen durch kleinere Wärme-Inseln (mehrere Nachbarn schließen sich zusammen) mit kleinen BHKWs oder Brennstoffzellen oder auch kleine Erdgasthermen ersetzt werden. Damit kann eine weiterer Beitrag zur Luftreinhaltung, Effizienzsteigerung und auch zusätzlicher Eigenstromerzeugung direkt am Ort geleistet werden.

VRB: Wäre eine Versorgung mit grünem Bio-Gas oder Power to Gas zukünftig mit unserer neuen Leitungsinfrastruktur auch in Ruhpolding möglich?

O.H.: Ja, wenn diese Mengen an grünem Bio-Methan auch verfügbar sind. Über CO2-Zertifikatehandel wird derzeit Erdgas „Grün-gelabelt“. Auch dieses Erdgas wird deshalb - ähnlich dem Grünstrom der Stromversorgung Ruhpolding - als CO2-neutral betrachtet. Dieses Erdgas kann bezogen werden.

VRB: Aus VRB-Kreisen kam die Frage, wie die geologischen Voraussetzungen für Geothermie in Ruhpolding wären? 

O.H.: Äußerst ungünstig, wegen sehr tiefer Lagen von wärmeführendem Wasser.

VRB: Sind gute Beispiele von anderen Orten bekannt, die man auch für Ruhpolding übernehmen könnte?? 

O.H.: Man könnte z. B. mit den Gemeindewerken Ainring über ihre Erfahrungen zu Hackschnitzeln mit ORC-Stromerzeugung und Erdgas mit BHKW sprechen.  Die Stadtwerke Haßfurt betreiben z.B. ein Erdgasnetz und eine „Power to Gas“- Anlage zur Herstellung von Wasserstoff, der ins eigene Erdgasnetz eingespeist wird. Zusätzlich wurde noch ein BHKW errichtet, mit dem auch aus Wasserstoff Wärme und Strom erzeugt werden kann. Den Kontakt zum Leister der Stadtwerke kann ich gerne vermitteln. Gerne steht auch Reit im Winkl als Nachbar Gemeinde mit einem gut funktionierenden Holz-Heizwerk und Fernwärmenetz als Ansprechpartner zur Verfügung.

Vielen Dank für diese ausführlichen und fachlichen Informationen.

VRb Nachg'fragt

VRB-Nachg’fragt: Hr. Schnaitmann, in den letzten Monaten konnten aufgrund von „Wetterwarnungen des Deutschen Wetter Dienstes“ des Öfteren die Rauschbergbahn nicht in Betrieb genommen werden. So z.B. auch in der letzten Woche am Montag, den 06.07.2015. Ein Außenstehender sieht nur den strahlenden Sonnerschein und eine Temperatur von über 30° und erkennt hier keine Gründe für eine Sperrung. Welche Erklärung gibt es für diese Sperrung der Bahn?
 
Hr. Schnaitmann: Am 06.07.2015 hatten wir eine amtliche Wetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes. Es wurde mitgeteilt, dass mit Sturmböen bis Stärke 6 aus Südwest zu rechnen ist. Da die Windrichtung für uns eine erhebliche Rolle spielt, wurde an diesem Tag nach Kontrolle der Seillage  (mehr als 2 m aus der Richtung) durch die Betriebsleitung entschieden keinen Fahrbetrieb durchzuführen. Die Sicherheit unserer Gäste steht immer an erster Stelle. Um den Tag sinnvoll zu nutzen hat unser erster Betriebsleiter H. Geisreiter, nach Rücksprache mit mir, vorgeschlagen, eine dringende technische Wartung unserer Steuerung durchzuführen. Es wurde ein wichtiges elektronisches Bauteil (Frequenzumrichter) erneuert – Dauer der Arbeiten von ca. 11:00 Uhr bis 21:00 Uhr.
 
VRB-Nachg’fragt: Wie läuft so eine „Sperrung“ in der Regel ab? Wie erhalten Sie die Wetterwarnungen, wer entscheidet die Sperrung und welche Maßnahmen sind im Nachgang notwendig?
 
Hr. Schnaitmann: Wetterwarnungen erhalten wir per E-Mail bzw. über das Internet, wir informieren uns auch bei benachbarten Seilbahnbetrieben z. B. Hochfelln über die aktuelle Lage. Die Entscheidung über die Einstellung des Fahrbetriebes obliegt immer dem diensthabenden Betriebsleiter. Nach der Entscheidung werden die Informationen unverzüglich auf unserer Homepage aktualisiert und per Newsletter an alle wichtigen Einrichtungen kommuniziert. Zudem werden die örtlichen Tourist-Informationen per Telefon kontaktiert.
 
VRB-Nachg’fragt: Gibt es einen Automatismus wenn sich während des Tages die Wetterwarnungen wieder ändern? Wird dann der Fahrbetrieb wieder aufgenommen?
 
Hr. Schnaitmann: In der Regel ist es ja meistens absehbar, ob sich die Wetterlage zum positiven hin verändert – so kommt es natürlich auch dazu, dass wir mit dem Fahrbetrieb später beginnen. Bestehen allerdings Wetterwarnungen bis zur Mittagszeit, hat unsere Erfahrung gezeigt, dass sich eine Betriebsaufnahme nicht mehr realisieren lässt. Es sind nach Sturmereignissen immer umfangreiche Kontroll- und Revisionsfahrten notwendig, was dazu führt, dass ein geordneter Fahrbetrieb dann erst sehr spät möglich ist. Auch die Gastronomie im Rauschberghaus hat hier keine Möglichkeit die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen um die Erwartungen unserer Gäste zu erfüllen.
 
VRB-Nachg’fragt: Hr. Schnaitmann, herzlichen DANK für das kurzfristige Interview und Ihren erklärenden Ausführungen.